Die Sängerin

Sie öffnet mir die Tür mit ihrem Ellenbogen, die Hände voller Teig und eine unangezündete Zigarette im Mundwinkel: 
“Hallo! Komm rein! Backe gerade Nußbrot. Hast du Feuer?“ 
Ich zünde ihr die Zigarette an. Ihre grünen Augen verfolgen jede meiner Bewegungen. Sie nickt ein Danke und nimmt einen tiefen Zug, die Teighände weit von sich haltend:
“Setz dich! Komme gleich, muß das Ding nur noch in Ofen schieben. Nimm die Papiere einfach vom Stuhl da!“ 
Sie verschwindet in der Küche und ich höre sie summen. 
Es liegen nicht nur Papiere auf den beiden vorhandenen Stühlen sondern über den ganzen Fußboden verteilt. Der Tisch hingegen ist seltsamerweise blitzblank.
„Was machst du’n hier?“ 
Der Wasserhahn wird auf- und wieder zugedreht und als sie mir antwortet, nuschelt sie nicht mehr an der Zigarette vorbei:
“Etwas noch Genialeres als Nußbrot!“ 
Sie lehnt im Türrahmen und grinst mich an, streckt die Arme und die inzwischen teiglosen Hände nach mir aus:
“Küß mich!“ 
Als sich ihre Lippen von meinen lösen, nimmt sie einen tiefen Zug von ihrer Zigarette:
“Gestern war ich in der Milchstraße. Und heute bin ich die Hochallee runtergegangen ohne einen Zigarettenautomaten zu finden!“
Ich nicke und frage noch mal:
“Was wird denn nun das hier wenn es fertig ist?!“ 
Ihr Blick wird geheimnisvoll, aber ihre Hände zittern vor unterdrückter Aufregung. Auch ohne mein wiederholtes Fragen hätte sie nicht viel länger ein Geheimnis draus machen können.
„Mein Buch! Ein Drama! Ich habe die ganze Nacht hindurch daran geschrieben!“ 
Sie strahlt und ich muß lächeln:
“Auf dem Fußboden?!“ 
Sie nickt als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, zum Schreiben den Boden statt einen Tisch zu benutzen. Ich frage nicht weiter und lächele nur etwas mehr. Sie guckt mich etwas entrüstet an:
“Lachst du mich etwa aus?“ 
Ich schüttle den Kopf und räume einen der Stühle frei:
“Und, liest du es mir vor?“ 
Nun schüttelt sie den Kopf und es ist an mir, entrüstet zu sein:
“So??? Warum denn nicht?“ 
Sie guckt mich noch einen Moment an und kann sich kurz darauf vor Lachen nicht mehr halten:
“Es ist doch kein Vortrag, dummer Junge! Es ist ein Drama! Ich werde es dir vor-spielen!!! Aber zunächst laß uns essen! Warm schmeckt Nußbrot am besten. Deck schon mal den Tisch!“
Während ich Teller und Besteck hole, legt sie Musik auf. Ihre neue Lieblings-CD von Jann Arden. Und fängt gleich an, mitzusingen:
“Hide your heart under the bed and lock your secret drawer. Wash the angels from your head, won’t need them anymore. Love is a demon and you’re the one he’s coming for. Oh my love….“
Sie hat eine schöne Stimme, Sopran mit einem tiefen Timbre. Erotisch. 
Kurz darauf füllt der Geruch ihres köstlichen Nußbrotes den Raum –und der Geschmack meinen Mund. 
“Superkalifragelistikexpialigetisch! Kann gar nicht glauben daß dein Drama genialer sein soll als dein Nußbrot!“ 
Sie guckt mich fast böse an, ganz die eitle Künstlerin: 
“Wart’s ab! Wenn ich deinen Magen zu verwöhnen vermag, warum nicht auch deinen Geist?!“ 
Ich schweige. Sie hat immer die besseren Argumente. Und das Nußbrot ist einfach zu gut um es kaputtzudiskutieren. 
Gefräßiges Schweigen. Ich will mir noch ein Stück nehmen, da bestimmt sie daß es reicht: 
“Du kannst dich nicht mehr auf die wahre Kunst konzentrieren wenn du so vollgefressen bist!“ 
Sie zündet sich noch eine weitere Zigarette an bevor sie die Teller hinausbringt. Dann beugt sie sich über die vielen Papiere:
„Es ist ein Puzzlespiel! Ein paar Teile fehlen noch, aber das Bild kann man schon erkennen!“ 
Einer mir unsichtbaren Anordnung folgend hebt sie die Blätter auf, behutsam fast, als wäre sie aus Porzellan –wo doch vorher jeder hätte drauftreten können! Dann dreht sie die Musik leiser, aber nicht ganz aus und dimmt das Licht.
„Der Arbeitstitel ist „Auf dem Boden“ aber ich denke es wird „Die Sängerin“ heißen!“ 
Sie hat einen Witz gemacht aber ich weiß daß sie trotzdem nicht will daß ich darüber lache. Sie ist wieder in ihrer ‚Stimmung‘.
Und dann fängt sie an, ohne Vorwarnung. 
Ich weiß nicht ob es am Halbdunkel liegt oder am Qualm der Zigarette hinter dem sie sich versteckt –aber sie wirkt auf einmal älter, wissender und gleichzeitig sehr zerbrechlich. Ähnlich einer Ikone aus der alten Zeit. A la Monroe.
Die Zettel hält sie vor sich wie eine Sängerin, überhaupt ist ihre ganze Pose so. Sie beginnt mit dem Titel. Ihr Gesicht ist ruhig und frei, genug Platz für den Ausdruck, etwas Neuem, dem Drama.
Versunken in ihren Anblick bemerkte ich erst einen Moment später, das sie zu sprechen angefangen hat. Leise, sehr leise. Ihre Stimme ist tiefer als sonst, ernster, erotischer. Sie erzählt eine Geschichte, malt mit Worten die schönsten Bilder und Charaktere, singt, neckt, lockt und schneidet tief.
Sie erzählt von einer Sehnsucht, von dem Kind das versucht den Regenbogen zu fangen und aufgibt sobald es erwachsen wird, von dem jungen Mädchen mit den traurigen Augen das mich sehr an sie selber erinnert, von dem Mann der seinen Traum verlor bevor er ihn erfand. Ihre Stimme wechselt, sie spielt alle Rollen des Dramas als wäre sie schon immer ein Kind, ein Mädchen und ein Mann zugleich gewesen. Sie kämpft mit Schwertern, mit Worten, sie weint Tränen und singt sich selber ein Requiem.
Und dann taucht die Sängerin auf, die Titelheldin ihres Dramas. Sie hat ein Gesicht aus Marmor und funkelnde Sternenaugen. Ihre Stimme ist Wind, schmeichelnd und tobend, ungebändigt:
„Es gibt ein Lied das lang vergessen scheint. Zumindest habe ich es lange nicht mehr gehört. Und selber auch lange nicht mehr gesungen. Keiner fragte mehr danach, wenn ich in Kirchen, Konzerten oder auf der Straße sang. Und so vergaß auch ich irgendwann, daß es dieses Lied gab. Ich vergaß was unverzeihlich ist und begann langsam zu sterben, wie eine Pflanze ohne Wasser. Ich war eine Sängerin ohne Lied, ohne wirkliches, wertvolles Lied. Ich sang nur noch von den Alltäglichkeiten und Eitelkeiten der Welt, befriedigte die Ohren der Menschen mit Belanglosigkeiten. Fiel wie eine Sternschnuppe, doch ohne Glanz und Feuerschweif.
Bis ich das Regenbogenkind, das Mädchen mit den traurigen Augen und den traumlosen Mann traf. Ohne es zu wissen, kannte jeder von ihnen noch eine Strophe dieses Liedes. Sie summten es unter der Dusche oder im Schlaf, kritzelten Wortzeilen während Telefonaten auf Papierschnipsel und teilten hin und wieder diese Weisheiten unbewußt mit anderen. So auch mit mir. Aber ich erkannte das Lied in ihren Worten, fügte das Puzzle zusammen und sang es ihnen vor. Doch sie verstanden mich nicht. Und starben weiter. Aber ich kann das Lied nun wieder hören, die Welt singt es mir zu, leise zwar, sehr leise, aber gut verständlich. Hört hin. Hört einfach etwas genauer hin…“
In einem grandiosen Finale endet das Stück. Mit Mord und Totschlag und einem überlebenden Traum. 
Atemlos kommt sie zu sich. Schüttelt behutsam ihre anderen Ichs ab. Legt die Papiere in einem ordentlichen Stapel auf den Tisch. Ihre Hände zittern als sie sich eine Zigarette nimmt. Ich gebe ihr Feuer. Sie inhaliert tief und schaut mich an. Ich nicke und sie beginnt zu strahlen. Steht auf:
“Du wolltest doch noch ein Stück Nußbrot!“ Bevor sie die Küche erreicht, liegt sie in meinen Armen:
“Ich brauche kein Nußbrot mehr! Dein Drama war um so Vieles genialer!“ Sie nickt und zieht an ihrer Zigarette. Ihre Augen funkeln.
“Bleibst du über Nacht?“ 
CW 17./18.03.03

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