Eines Nachmittags im Kaffeehaus

„People are like seasons!“
„Wie meinst du das?“
Sie lächelt und nippt an ihren Kaffee:
“Na, ganz einfach! Sie kommen und gehen, in beiden Fällen ungefragt aber doch immer herbeigesehnt!“ Ich denke einen Moment darüber nach, doch bevor ich zu einer Meinung oder einem Kommentar kommen kann, ist sie schon wieder mindestens zwei Gedanken weiter:
“Oder sieh dir den Unterschied zwischen Männern und Frauen an. Menschen haben Bücher darüber geschrieben, dabei ist es in ein paar Sätze zu fassen: Die Frau wartet immer auf den Mann. Sie ist es, die alleine ist und wartet, während der Mann zu tun hat. Da sie so viel Zeit hat zu warten, gibt sie sich dem Make-up hin –natürlich auch, um schön zu sein für ihn. So ist das, er will sie besitzen, sie aber will sich verschenken. Schließlich kommt der Mann, zu spät! Da ihn dann doch ein wenig das schlechte Gewissen plagt, hat er noch schnell ein Geschenk für seine Frau gekauft! Du siehst, Männer verschwenden Geld, Frauen ihre Zeit! Dabei könnten sie es viel einfacher haben! Oder meinst du nicht?“ Ich grinse ob ihrer überwältigend logischen Argumentation und nicke:
“Hast schon recht! Beide wollen einander schenken, was ihnen das Wertvollste ist –und sie verschwenden es schon in der Vorbereitung. Ist es das, was du meinst?“ Sie nickt und trinkt wieder von ihrem Kaffee, bestellt sich einen Neuen, für mich gleich mit, ohne gefragt zu haben. Ich nicke, ein verspätetes Okay, aber rechtzeitiges Danke. Während sie den letzten Schluck Kaffee mit einer Art Todesverachtung hinunterstürzt und sich eine Zigarette anzündet, bemerkt sie:
“Zeitweise hasse ich die Menschen. Ich glaube, ich bin generell gegen sie allergisch!“
Ich schlucke:
“Ach … und warum sitzt du dann mit mir hier?“ Sie guckt mich einen Moment erstaunt an und lacht dann perlend:
“Nun, du bist eben eine ausnahmslos nette Ausgeburt der Hölle! Ernsthaft, ich glaube ich bin grundsätzlich allergisch, aber diese Hassphasen habe ich nur in Etappen. Heute bin ich fast glücklich, da passiert so etwas dann nicht!“
“Und wie äußert sich deine Allergie und insbesondere dein Hass?“
„Nun, die Allergie. Ich verspüre dauernd den Drang, an jedem Menschen etwas aussetzen zu müssen, so eine krankhafte Art der Fehlersuche an den anderen –und auch an mir, versteht sich, ich gehöre ja auch zu dieser Spezies. Das fängt klein an, steigert sich aber ziemlich schnell hoch. Jede ihrer Bewegungen, ihrer Worte, ihrer Taten beginnt, mich zu nerven, mich anzukotzen und irgendwann hasse ich einfach alles an den Menschen. Das sind die schlimmsten Phasen. Weil, wie soll ich mich dann von Menschen entfernen wo ich doch selber immer mitgehe? Wie soll ich mich betäuben wenn alles, angefangen von Musik bis hin zu Schokolade, von Menschen gemacht ist, verstehst du? Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an Gott direkt zu wenden!“ Der zweite Kaffee kommt und kaum das die Tasse steht, nimmt sie schon einen großen Schluck, sich verbrennend, wie um eine Sucht zu stillen, einen Durst tief in ihr drin. Als der Kellner weg ist, muss ich nun aber doch nachfragen:
“Und … eh … was wäre denn eine solche Kleinigkeit, die dich ganz vehement an mir stören würde?“ Sie seufzt:
“Ich hätte gehofft du würdest mich dies nicht fragen, denn natürlich ist mir etwas aufgefallen, aber ich habe versucht es zu ignorieren um nicht mehr und mehr Fehler an dir zu suchen und dann irgendwann vom Tisch aufzuspringen und dich anzuschreien du mögest sofort aufhören zu leben! Aber gut, ich werde es dir sagen: wenn du zuhörst, so wie jetzt, dann hast du immer deine Finger an der Nase, die ganze Zeit während ich rede spielen deine Finger an deiner Nase herum … „ Ihr Ton wird leicht gereizt und erschrocken lasse ich beide Hände fallen:
“Ach wirklich, das tue ich? Ich werde sofort damit aufhören, ist mir gar nicht aufgefallen!“
„Und genau das ist ein weiteres, generelles Problem der Menschheit an sich …“ spricht sie weiter, zwischen zwei großen Schlucken Kaffee:
“… ihnen fällt nichts auf! Weder an sich noch an irgendwem! Weil, sie gucken nicht richtig hin! Wenn sie miteinander reden, gucken sie aneinander vorbei –du bist erstaunlicherweise eine Ausnahme –blicken die Person, mit der sie sprechen, nicht einmal an, als wäre sie uninteressant, gar nicht präsent! So können sie auch nicht merken, wenn sich ihr Lebenspartner schon lange geistig von ihnen verabschiedet hat, wenn sie der Bankier übers Ohr haut, wenn sie nur mehr alleine vor sich hinbrabbeln, eine Peinlichkeit für jeden der vorbei kommt. Sie sehen weder die Blume noch den Geldschein vor ihren Füßen, das Glück in ihren Händen, den Himmel über ihren Köpfen. Weil sie einfach blind geworden sind! Und dann blicken sie die sich mühsam am Stock Vorwärtstastenden mitleidig an, nicht merkend das sie keinen Deut besser dran sind!“ Sie lehnt sich zurück und zündet sich eine Zigarette an, die Erste seitdem sie hier sitzt und ich bin fast ein wenig verwundert, dass sie raucht. Als ich jedoch meine Packung hervorhole um ihr Gesellschaft zu leisten, weist sie mich zurück:
“Du wirst doch nicht etwa rauchen? Noch eine schlechte Angewohnheit! Nicht nur ungesund für mein Auge, sondern auch ganz allgemein für dich!“
“Ja, aber du rauchst doch auch!“
“Bei mir ist das was ganz anderes! Ich muss rauchen, sonst halte ich diesen ganzen Zirkus hier auf der Erde nicht aus. Ich nutze jede Flucht, jede Betäubung die sich mir bietet, um dem Wahnsinn zu entgehen!“ Ich schüttle den Kopf:
“Aber …“ Eiskalt unterbricht sie mich:
“Wage es nicht, mir Egoismus oder Unlogik zu unterstellen! Ich habe das Ganze schon ganz gut durchdacht. Für mich gibt es keine anderen Möglichkeiten. Nur wenn ich nicht mehr merke, wie menschlich das alles ist, kann ich loslassen. Aber du und ihr, die ihr nicht allergisch gegen euch selber seid, ihr habt solche Dinge nicht nötig. Klar, ihr sagt auch, ihr wollt vor der Realität fliehen, aber für euch gibt es doch so viele andere Möglichkeiten. Ihr könnt Bücher lesen und nicht wie ich jeden Fehler und jede Unvollkommenheit suchen, sondern euch in die fremden Welten entführen lassen, ihr könnt euch ineinander versenken und die Lust spüren, ohne euch gegenseitig anzuekeln –für mich gibt es nur den Weg des Vergessens ..um für einen Moment frei zu sein!“ Ich schweige. Was soll ich dazu noch sagen? Sie drückt ihre Zigarette aus, trinkt den Rest des kalten Kaffees und steht auf:
“Ich muss gehen. Es täte mir leid, dich zu hassen –und dieses Cafe! Vielleicht können wir dieses Gespräch ja irgendwann fortführen! Und: fühl dich eingeladen!“ Ich stammle ein „Danke“ und „Tschüß“ und dann ist sie verschwunden. Ich starre vor mich hin und die Leute um mich herum an. Der am Nachbartisch hat gerade in der Nase gebohrt und die da drüben redet in einer entsetzlichen Tonfrequenz –und ich merke, was ich gerade tue. Ich zucke die Achseln, bestelle mir noch einen Kaffee und denke nach, die Hand an meiner Nase! CW050204

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