Gemeinsame Träume

Das, was in meinem Herzen tanzt, wird auf ewig alleine tanzen. Ich habe das letzte Bild unseres gemeinsamen Traumes aus meiner Phantasie geschnitten und im Ofen verbrannt. Dann bin ich aus dem Zimmer gegangen und habe die Tür fest hinter mir verschlossen. Träume muss man beizeiten begraben oder verbrennen, sonst fressen sie einen auf. Gemeinsame Träume noch eher als Einzelgänger. Spätestens wenn du dich von deinem Gegenpart trennst, bricht der Traum sowieso entzwei. Es ist besser, wenn du ihn rechtzeitig alleine verbrennst. Ich habe es getan und bin nun gegen das Unglück gefeit, was uns erwartet. Hinter der nächsten Tür. Ich betrete das Wohnzimmer. Du sitzt in deinem Ohrensessel vor dem Kamin und liest. Die Zigarettenasche ist wieder auf den Teppich gefallen. Du wirst scheinbar nie lernen, dass du beim Lesen das Rauchen vergisst und dir keine Zigarette anzünden solltest. Irgendwann wirst du noch das Haus abfackeln oder dir deine Hand böse verbrennen. Ich schaue dich fast zärtlich an und blicke gerade noch rechtzeitig weg, um deinen Blick nicht auffangen zu müssen.
„Ich habe gerade unsere gemeinsamen Träume verbrannt!“ Meine Worte hängen im Raum und ich sehe dein Gesicht erstarren, als sie dich treffen. Dann fliegt das Buch aus deinen Händen zu Boden, die bereits erloschene Zigarette ebenfalls und mit einem Satz bist du bei mir. Deine Finger drücken die Wunden zu, die meine Handgelenke zieren und kein weiteres Blut tropft mehr auf den Teppich. Mein Blick eilt wieder zu dem Häufchen Zigarettenasche bei deinem Sessel.
„Du hast wieder geraucht beim Lesen!“ sage ich und wundere mich über den Klang meiner eigenen Stimme. Sie hallt durch eine eigenartige, schwere Stille. Ich sehe meine Augen in deinen und muss fast lachen, doch dann erinnere ich mich an den Ernst, den du dieser Situation immer wieder beimisst und schlucke es hinunter. Du ziehst mich hinter dir her ins Bad und zum Medizinschrank. Mit schnellen Bewegungen wickelst du blütenweiße Verbände um meine Arme. Mich fasziniert jedes Mal wieder, wie schnell sie sich rot färben.
„Kannst du mich nicht endlich aufgeben! Ich habe heute unsere gemeinsamen Träume verbrannt!“ Noch immer klingt meine eigene Stimme merkwürdig fremd. Und in die nachfolgende Stille mischt sich wieder dieses eigenartige Geräusch deines Halbweinens. Dieses Geräusch das du machst, wenn du nicht mehr richtig atmen kannst.
„Warum tust du das immer wieder?“ Auch deine Stimme klingt fremd, aber ich weiß warum. Sie klingt so, weil ich sie nicht mehr kenne. Weil ich sie gerade mit den Träumen verbrannt habe. Deine Stimme war nämlich so warm und gut, dass sie auch ein Traum gewesen sein muss. Und ich wollte auf Nummer Sicher gehen.
„Es ist entgültig. Es muss entgültig sein, ein für alle Mal! Kannst du es denn nicht sehen?“ Du schüttelst den Kopf und statt Blut tropfen deine Tränen nun auf die Fliesen.
„Gemeinsame Träume haben keine Zukunft!“
„Doch, haben sie! Haben sie zu haben!“ Ich finde mich in deinen Armen wieder, du hältst mich so fest als wolltest du mich zerquetschen. Ich sehe mich in deinen Armen, blau anlaufend, und muss lachen.
„Hör auf!“ Deine Stimme schwillt ohrenbetäubend an und du reißt mich mit dir mit ins Wohnzimmer, wirfst mich in deinen Sessel.
„Ich kann nicht mehr!“ Deine Hand greift zum Telefon. Ich weiß genau wessen Nummer du anrufst. Wie praktisch, dass dein bester Freund gleichzeitig Psychiater ist. Ich weiß, dass du ihn oft wegen mir angerufen hast, aber ich konnte dir nie auf die Schliche kommen, weil er dein bester Freund ist. Aber das jetzt ist kein Freundschaftsanruf und ich habe dich enttarnt.
„Das, was in meinem Herzen tanzt, wird auf ewig alleine tanzen!“ flüstere ich und löse langsam die rot marmorierten Verbände von meinen Armen, begeleitet vom jetzt fremden Klang deiner einst so warmen Stimme.
„Sie hat es wieder getan! Ich weiß nicht mehr ein noch aus! Schick jemanden, bitte! Beeil dich!“ Schon sind seine Hände wieder auf meinen Armen. Ich habe ihn nicht auflegen hören. Schon sind deine Hände wieder auf meinen Armen.
„Kannst du es denn nicht sehen?“ Müdigkeit kommt über mich. Ich bin müde, weil er mich nicht verstehen kann. Ich bin immer müder geworden, mit jedem Mal mehr. Aber heute bin ich so müde wie noch nie. Mein Blick fällt auf das Buch, in welchem er eben noch las. Andersens Märchen. Die kleine Meerjungfrau war nicht mehr als Schaum auf den Wellen als sie starb. Und der Zinnsoldat verbrannte im Feuer. So wie die gemeinsamen Träume. Schaum auf den Wellen. Der tanzte. Ich sage es dir. Aber du siehst mich noch nicht mal mehr an. Starrst zur Haustür. Wartest auf das Klingeln derer, die du gerufen hast.
„Mit dem Klingeln derer die du gerufen hast, musst auch du unsere gemeinsamen Träume verbrennen!“ sagte ich leise. Gut dass ich es schon getan habe. Als wenn ich es geahnt hätte. Nein, ich habe es gewusst. Er hat mich nie verstanden. Meine Träume werden mich nicht auffressen, aber seine nagen schon an ihm. Ich höre sie schmatzen. Als es klingelt, lassen sie vom Essen ab und lauschen. Du blickst mich noch einmal an. Ich schüttelte traurig den Kopf.
“Warum kannst du es denn nicht sehen?“ Du hältst meinem Blick nicht stand. Gehst zur Tür und öffnest. Ich gehe zum Kamin und werfe für dich deinen Teil unserer gemeinsamen Träume in die Flammen. Mehr kann ich nicht für dich tun. Als sie mich aus dem Haus tragen, sehe ich dich noch in der Tür stehen. Ich werfe dir einen Kuss zu. Sie haben wieder zu schmatzen begonnen.
CW310504

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